Stadtwald nachhaltiger gestalten

ID: 527
Erstellt von natur_in_freiburg am 20.01.2019 um 17:22 Uhr
Umwelt und Natur

Auch im Stadtwald wurden viele neue Forsttrassen angelegt, wie es im Südschwarzwald in den letzten Jahren massiv betrieben wurde. Das ist die Voraussetzung, um mit schwerem Gerät, mit Vollernter und Radlader im Wald zu arbeiten. Folgen: Bodenverdichtung und Rückzugsräume vieler Wildtiere werden beschnitten! Drum sollte das Geld im Forstetat stärker für eine nachhaltige Forstwirtschaft umgeschichtet werden, u.a. für menschliche Arbeitskraft, für Rückepferde.

Kommentare (6)

Biodiversität

ID: 2.023 22.01.2019 00:38

Liebes Moderator-Team,
mit Ihrer Einlassung (unten) beeinflussen Sie die Abstimmung erheblich und wie ich finde, ist die Darstellung des Forstamtes als Fachbehörde sehr tendenziöse. Der Autor des Vorschlages hat nicht gesagt, dass Rückepferde im Bergwald eingesetzt werden sollen (was tatsächlich fast unmöglich ist). Im Mooswald wären Pferde ohne Weiteres eine Option. Die Stadt Lübeck setzt seit vielen Jahren im gesamten Stadtwald Rückpferde ein. Es gibt zahllose wissenschaftliche Untersuchungen, die die Überlegenheit von Rückepferden gegenüber Forstmaschinen in puncto Bodenverdichtung belegen. Ebenso ist es wissenschaftlicher Konsens, dass Forstmaschinen den Boden auf den Rückegassen teils über Jahrhunderte so sehr verdichten, dass jede Durchwurzelung von Bäumen unmöglich wird. Es gibt zudem zahlreiche evidenzbasierte Indizien, die die kurzfristige betriebswirtschaftliche Überlegenheit von Forstmaschinen gegenüber dem Pferd auf lange Sicht in Frage stellen, weil Bäume auf stark verdichteten Böden Wasserstress erleiden, was sich in Ertragsdepressionen der nachwachsenden Ressource Holz widerspiegeln kann. In der Stellungnahme der Fachbehörde findet sich dazu überhaupt kein Wort. Letztlich ist es auch die Entscheidung des Gemeinderates und der Bürger, was sie vom Stadtwald wollen: Kurzfristige betriebswirtschaftliche Gewinne oder ein intaktes System, was diese Leistungen auch im Klimawandel noch zuverlässig erbringen kann. Diese Wertung hat das Forstamt nicht zu treffen. Das ist Aufgabe gewählter Volksvertreter.
Auch das Forstamt ist nicht frei von Interessen und ich finde es sehr bedauerlich, dass diese wissenschaftlichen Befunde in der Stellungnahme der Fachbehörde überhaupt keine Rolle spielen. Der Stadtwald gehört allen Freiburgern. Es war und ist originäres Ziel des Beteiligungshaushaltes, dass die Freiburger sich in die Zukunft des Umgangs mit Gemeingütern einmischen können. Sie würgen diesen Prozess mit einer solch einseitigen Stellungnahme ab. Von Ihnen als Moderatoren erwarten die Freiburger, dass diese normative Basis dieses Beteiligungshaushaltes schützen und nicht eine Quasi-Entscheidung schon im Dialog ausgesprochen übermitteln. Damit wird der Beteiligungshaushalt ad absurdum geführt. Ich bitte Sie daher, diesen meinen Kommentar schnellstmöglich an die Fachbehörde zu senden und um eine differenziertere Stellungnahme zu bitten. Von der Fachbehörde erwarte ich, dass die zahlreichen wissenschaftlichen Befunde zumindest gewürdigt werden. Das Riesenproblem Bodenverdichtung ist kein Peter-Wohlleben-Gequatsche, sondern Ergebnis jahrelanger evidenzbasierte Wissenschaft. Es ist das Recht der Freiburger hier einen anderen Umgang einzufordern.
Abseits dieser Kritik ist dem Forstamt Freiburg für viele vorbildliche Leistungen ein Lob auszusprechen.

Moderation

Kommentar der Moderation
ID: 1.996 21.01.2019 20:39

Hallo natur_in_freiburg,
wir haben Ihren Vorschlag an das zuständige Forstamt weitergeleitet und folgende Antwort erhalten:

Wir beschäftigen im Stadtwald 29 Forstwirte und Forstwirtinnen, die mit der Holzernte, Wald- und Biotoppflege, Pflanzung und dem Bau und der Unterhaltung von Erholungseinrichtungen befasst sind. Dabei ist es eines der Ziele der nachhaltigen Waldbewirtschaftung, struktur- und baumartenreiche Wälder zu erziehen mit starkem, wertvollem Holz. Diese dicken Bäume (mit Zieldurchmessern zwischen 60 und 100 cm) fällen unsere Forstwirt_innen "motor-manuell" mit der Motorsäge, eine anstrengende und auch gefährliche Arbeit. Für den Transport der schweren Stämme an die Waldwege, wo sie von LKW aufgeladen werden können, benötigen wir leistungsstarke Forstschlepper mit einer entsprechend starken Seilwinde. Diese Forstspezialschlepper fahren im Bergwald auf Maschinenwegen, um in Seilreichweite (max. 120 - 140 m) an die gefällten Bäume heranzukommen, im Mooswald nur auf Rückegassen oder Forstwegen. Im Bergwald setzen wir für den Transport des Holzes hin und wieder auch Seilkrananlagen ein, wenn die Abstände zwischen den Maschinenwegen sehr lang sind. Besonders im Bergwald können Pferde diese Last nicht ziehen.

In den letzten Jahren haben wir im Mooswald stärker als bisher auch Vollernter eingesetzt, um das Eschentriebsterben zu bewältigen, dem leider auch jüngere und dünnere Eschen in einem viel größeren Umfang zum Opfer fallen, als normalerweise genutzt würden. Auch diese Vollernter fahren entlang der bestehenden Wege und Rückegassen, zusätzliche Rückegassen wurden nicht angelegt. An einigen Stellen haben wir bestehende Rückegassen an den Einmündungen in die Fahrwege befestigt, damit diese durch Scherkräfte besonders beanspruchten Bereiche intakt bleiben.

Rückegassen und Maschinenwege im Wald stellen keine Hindernisse für Wildtiere dar, sie werden im Rahmen der Holzernte nur alle 5 - 8 Jahre genutzt und bleiben dazwischen über Jahre ungenutzt.

Theo

ID: 1.888 21.01.2019 12:14

@Clemens: "Rückepferde und Menschen verursachen ein Mehrfaches an Bodendruck/cm² als ein Harvester."
- diese Aussage ist nicht korrekt!
In jungen Beständen in der Ebene sind Rückepferde vorteilhaft (wenn man Waldnaturschutz mitdenkt/mitdenken will & kann (etwas teurer))!

Glücklicherweise ist der Stadtwald in kommunaler Hand - und FSC-zertifiziert! Die FSC-Vorgaben legen fest, dass die sogenannte Feinerschließung der Waldbestände mit Rückegassen nicht zu intensiv erfolgen darf: mind. 40m Abstand zwischen den Gassen!! und auch nicht bei jeder Witterung rücken!

(Naturschutz-)Thema im Stadtwald ist eher der problematisch hohe Anteil von Douglasie im Bergwald (+amerikanische Roteiche im Mooswald). Sie wächst toll, ist aber im Gegensatz zu den seit ewigen Zeiten vorkommenden heimischen Baumarten für viele Insektenarten als Lebensraum ungeeignet und verhält sich z.T. invasiv - breitet sich also aus zulasten der hier typischen Flora und Fauna.

Clemens

ID: 1.905 21.01.2019 13:25

Harvester werden meines Wissens kaum bis gar nicht in den natürlichen Auenwäldern in der Breisgauer Bucht des kommunalen Freiburger Forstamtes eingesetzt! Lediglich für kleine, noch verbleibende Stangenhölzer mit Kiefer und Fichte.
Und ansonsten: Wie sind denn ihrer Meinung nach die vergleichbaren Werte für Bodendruck/cm² für Harvester und Schwarzwälder Kaltblut?
Richtig - zum Glück haben wir noch ein kommunales Forstamt mit entsprechendem Waldbesitz. Darauf könne wir alle Stolz sein und ich hoffe, Sie geben mir recht, dass Dies so bleiben muss!
Eine Zertifizierung nach europäischem PEFC-Standard wäre jedoch sinnvoller gewesen als eine (süd-)amerikanisch FSC-Zertifizierung! Natürlich ist es bisher dem ideologischen Sitz der FSC-Geschäftsstelle in Freiburg geschuldet.
Dies wird sich hoffentlich mit einem neuen Gemeinderat ändern.
Und wenn die (amerikanische Sportart) Mountainbiker weiterhin so den Boden verdichten, dann werden wir froh sein, wenn wir wenigstens noch (amerikanische, vor der Eiszeit europäische)) Douglasie im Bergwald und (amerikanische) Roteiche in der Ebene haben.

Clemens

ID: 1.867 21.01.2019 11:31

Falsch!!! Dieser Vorschlag ist das beste Beispiel dafür, dass Nachhaltigkeit in der Gesellschaft nicht mehr begriffen und mit Halbwissen argumentiert wird. Wenn es in Deutschland kommunale Forstämter gibt, welche in den letzten Jahrzehnten vorbildhaft die ganzheitliche Nachhaltigkeit aller(!) Waldfunktionen (Holzernte, Wildtiermanagement, Erholungsfunktion, Tourismus, Wasser-, Hang- und Sichtschutz, Umwelterziehung und -schutz etc.) unter schwierigsten politischen Bedingungen und Einflussnahme umgesetzt haben, dann gehört Freiburg neben Baden-Baden sicherlich dazu.
Nicht vorzustellen was passiert wäre, wenn - wie von einer Fraktion vorgeschlagen - der Stadtwald privatisiert worden wäre. Wir hätten die gleichen katastrophalen Zustände im direkten Umfeld wie derzeit auf dem Wohnungsmarkt.
Rückepferde und Menschen verursachen ein Mehrfaches an Bodendruck/cm² als ein Harvester. Die Bodenverdichtung wäre deutlichst höher! Wildtiere, gerade im vom Erholungssuchenden, Mountainbikern, Jogern, Walkern, Geocoachern, Wildtierfotografen, Pilz- und Heilpflanzensuchende oder Reitern extremst frequentierten Stadtwald, kommen mit dem temporären Holzerntemaschinen bestens zu recht.
Da muss man eher die Nutzungsrechte der Waldbesucher einschränken oder gemäß den gesetzlichen Bestimmungen besser überprüfen.

natur_in_freiburg

ID: 1.902 21.01.2019 12:41

zu 'Clemens' vom 21.01.2019
Nachhaltigkeit ist für den Stadtwald Freiburg ein gutes und berechtigtes Ziel, mit der Umsetzung klappt es in der Praxis nicht immer ganz zufriedenstellend! Wer oft im Stadtwald unterwegs ist, kann das immer wieder beobachten.
Zu behaupten, das im Forst eingesetzte schwere Gerät verursache weniger Verdichtung als Mensch und Pferd, ist schon abenteuerlich (ganz abgesehen von den Schäden der großen Fläche, die befahren und beeinträchtigt wird). Anomalien im Baumwuchs auf verdichteten Waldböden sind ein intensiv diskutiertes Thema im Naturschutz und auch in der Forstwissenschaft. Veränderungen in der Zusammensetzung der Krautschicht werden beobachtet, als auch Verschlechterungen des Wasserspeichervermögens verdichteter Böden

Auch die Behauptung, Wildtiere kämen mit stärker frequentierten Wäldern (in Folge der vielen neuen Forsttrassen) gut zurecht, zeugt von Unkenntnis der unterschiedlichen Verhaltensweisen der Wildtierarten. Bei Kulturfolgern mag das manchmal zutreffen, aber der Auerhahn ist ein aktuelles Beispiel, wo die Rest-Population im Schwarzwald infolge der Übererschließung und dem Verlust der Rückzugsräume gerade zusammenbricht.