Freiburger Anonymisierter Behandlungsschein (FRABS) für Menschen ohne Krankenversicherung einführen - Gesundheit ist ein Menschenrecht

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Erstellt von Medinetz Freiburg am 09.01.2021 um 22:28 Uhr

Das Medinetz Freiburg setzt sich für die Einführung eines anonymisierten Behandlungsscheins (ABS) ein. Ein ABS ist eine pragmatische, kurzfristig umsetzbare und wirksame Lösung zur medizinischen Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Diese Menschen befinden sich – insbesondere in Zeiten der Pandemie – in einer höchst vulnerablen und prekären Versorgungssituation.

Wer sind wir?

Wir sind Ehrenamtliche, die Menschen ohne Papiere an niedergelassene Ärzt*innen, Therapeut*innen, Hebammen und andere medizinisch Tätige vermitteln, die sich bereit erklären, kostenlos und anonym zu behandeln. Jährlich vermitteln wir etwa 90-100 Personen - Tendenz steigend.
Einen Schwerpunkt hierunter bilden Schwangere. Die Versorgung gelingt oft jedoch nur unzureichend und notfallmäßig, wie eine Freiburger Gynäkologin berichtet, die mit Medinetz zusammenarbeitet: „Ich als Gynäkologin betreue oft Schwangere, die über die normale Vorsorge hinaus, die Einbindung eines Spezialisten erfordern würden. Und es wäre für die Frauen und deren Sicherheit eine enorme Erleichterung, wenn über einen anonymisierten Behandlungsschein zeitnah eine sinnvolle Diagnostik und Therapie erfolgen könnte. Ich würde mich sehr freuen, diese Alternative, wie in anderen Städten, auch in Freiburg gewährleisten zu können."

Wie sieht die Situation aktuell aus?

Unter uns – mitten in Freiburg – leben Menschen, denen jeglicher Zugang zur medizinischen Versorgung verwehrt wird, oder aber die nur sehr eingeschränkte Leistungen erhalten. Darunter befinden sich deutsche Staatsbürger*innen ohne Versicherung, Wohnungslose, Asylbewerber*innen, EU-Bürger*innen und insbesondere papierlose Migrant*innen. Dies ist mit entsprechend negativen Konsequenzen sowohl für die Gesundheit der Betroffenen selbst (Verschleppung und Chronifizierung behandelbarer Erkrankungen, Eintreten von vermeidbaren Komplikationen), für deren Umgebung (Übertragung von Infektionskrankheiten durch ausbleibende Behandlung) als auch für öffentliche Kostenträger (verteuerte Behandlungen durch Eintreten von Komplikationen und Notfällen) verbunden.

Was fordern wir?

Aus einer Initiative des Medinetz Freiburg soll ein gemeinnütziger Verein (Arbeitstitel: Freiburger Anonymer Behandlungsschein – FRABS e.V.) als Betreiber des Projekts gegründet werden. Er hat zum Ziel, auch den Menschen eine adäquate medizinische Versorgung zu ermöglichen, die de facto keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben.

Wie soll der FRABS in der Praxis funktionieren?

In 2-3 Sprechstunden pro Woche stellen sich die Betroffenen mit ihren Beschwerden vor. Bei Bedarf werden zunächst durch eine*n Sozialarbeiter*in der rechtliche Status und die Möglichkeit einer Integration in die Regelversorgung geprüft. Erscheint eine Kostenübernahme durch eine Krankenversicherung oder öffentliche Stelle nicht möglich, erfolgt eine Weiterleitung in die medizinische Sprechstunde. Hier wird anhand der geschilderten Beschwerden die Bedürftigkeit geprüft und ein anonymisierter Behandlungsschein ausgestellt. Dieser ermöglicht den Betroffenen eine fachärztliche Diagnostik und Therapie, die dann mit der Buchhaltung des FRABS abgerechnet wird. Geplant ist eine Inanspruchnahme von ambulanten ärztlichen und zahnärztlichen und stationären Leistungen, Dolmetscher-Diensten und Heilbehandlungen wie Krankengymnastik, Ergotherapie, Wundversorgung, etc. sowie die Kostenübernahme für Medikamente.

Wie sieht die Finanzierung des Projektes aus?

Im Rahmen der Planung unseres Projektes haben wir einen Finanzierungsplan auf Grundlage ähnlicher Projekte in anderen Regionen Deutschlands (u.a. Leipzig, Bonn, Thüringen) erstellt.
Für die Projektdurchführung fallen medizinische Behandlungskosten, Personalkosten sowie laufende Ausgaben für Betrieb und Verwaltung an. Pro Jahr ist mit einem Mittelbedarf in Höhe von etwa 260.000€ zu rechnen.

https://medinetz.rasthaus-freiburg.org/

Kommentare (33)

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Mo

ID: 7.037 26.01.2021 19:52

Ich hoffe ebenfalls, dass es in Freiburg bald einen Anonymen Behandlungsschein geben wird!

Katharina

ID: 7.000 26.01.2021 17:35

Sehr unterstützenswert! In Leipzig machen wir sehr gute Erfahrungen mit einer ähnlichen Einrichtung (Clearingstelle und Anonymer Behandlungsschein Leipzig e.V.). Der FRABS ist ein umsetzbares Konzept, das viele Menschen in Notlagen unterstützen kann!

Ulrike

ID: 6.754 25.01.2021 20:57

Jeder !! Mensch sollte zu jeder Zeit Zugang zu Heilbehandlungen und Gesundheitsberatung haben.

Merlin ät StadtWandler.org

ID: 6.558 25.01.2021 00:36

Beschämend, dass in einem reichen Land wie Deutschland der Zugang zu ärztlicher Behandlung nicht selbstverständlich ist.

Norbert

ID: 6.295 23.01.2021 20:57

Das ist mir wichtig! Diese Mitmenschen benötigen unsere Hilfe, nicht nur in Zeiten von Corona.

Clau

ID: 6.266 23.01.2021 19:14

Vielleicht gibt es ja Freiburger_innen, die dafür auch spenden würden

c

ID: 5.921 22.01.2021 09:22

Freie Gesundheitsvorsorge ist besonders auch für Frauen in der Prostitution wichtig, die überwiegend unfreiwillig "Sex" verkaufen und hier oft nicht gemeldet sind, sondern von den Menschenhändlern eingeschüchtert und ausgebeutet werden. Mangels Arbeitsschutzvorschriften in dem Bereich sind gesundheitliche Schäden sehr häufig, so dass die Möglichkeit zur medizinischen Versorgung umso dringlicher ist.

Herzlichen Dank für diese wichtige Initiative!

Pia

ID: 5.862 21.01.2021 21:41

in vielen Städten ist der Anonymisierte Krankenschein schon lange eingeführt. Es wird höchste Zeit!

Bettina

ID: 5.758 21.01.2021 13:30

Es ist so wichtig für geflüchtete Menschen!!!

Frauke

ID: 5.629 20.01.2021 15:01

So ein wichtiges Vorhaben! Und mit jedem Schein der umgesetzt wird, wird es für andere Kommunen leichter, dem Vorbild zu folgen!